Was ist eigentlich…deutsch?

Ein Projekt des SV-Beirats der Oberschule Geestemünde

In der heutigen Zeit klingt das ja fast wie eine kleine politische Provokation.
In Deutschland wird die Frage des Deutsch-Seins immer schneller deutschtümelnd beantwortet. Und in manchem „nationalstolzen“ Land scheint es zur Zeit modern, die Deutschen gleich wieder mit Nazis gleichzusetzen, nur weil Sie demokratischen Grundrechten einen hohen Wert beimessen und Kritik und Anderssein als hohes „GUT“ zelebrieren.

Und warum liebst du Deutschland?

Unsere ersten Interviewpartner:

Auf unsere Frage sind wir gestoßen, weil wir

1. viele nationale Hintergründe in unseren Familien haben
2. bei unseren internationalen Austauschen natürlich erstmal für Deutsche gehalten werden.

Wir sind gerne Botschafter unserer Schule und unseres Stadtteils, haben uns in den letzten Jahren in unseren Filmen u.a. mit den Themen Nationalsozialismus/Faschismus, Kulturellen Identitäten unter jungen Menschen, aber auch mit Biographien von Verfolgung und Unterdrückung auseinander gesetzt. Und dafür zahlreiche Anerkennung und Preise bekommen.

Film AG und SV Beirat der OSG Medienwerkstatt haben Menschen verschiedener Generationen und Herkunft in Bremerhaven und bei unserem Besuch in Israel befragt.

„Pünktlichkeit, Regeln einhalten, Wert-/Qualitätsarbeit, Lebensqualität und ein gutes soziales Netz“ wurden der deutschen Identität fast immer zugeschrieben. Gefolgt von „Bier und Bratwurst“ als Zeichen der Deutschen Gemütlichkeit und Feierkultur. In einem anderen Licht sieht man schon die deutsche Befindlichkeit im Umgang miteinander. Unzufriedenheit, Regelhörigkeit, Missmut.

„Ich glaube, die Deutschen wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht, und wie schön es hier ist. Wir haben allen Grund, nicht pessimistisch und negativ zu sein. Manchmal fehlt mir die Leichtigkeit in Deutschland, einfach mal alle Fünfe gerade sein zu lassen.“ (John Reinhard, Deutschland, USA, Cookie-Baker)

„Das Lockere fehlt in Deutschland. Man sagt oft, Amerika ist oberflächlich, aber diese lockere „take it easy“, dieses positive Denken fehlt mir in Deutschland sehr.“ Wally Kruso (59, Deutschland, USA, Sportler, Geschäftsmann)

 „Wenn wir bei unseren Filmarbeiten alles bis ins kleinste Detail durchplanen wollten, haben die Amerikaner im Team ungeduldig gefragt, ob man nicht endlich mal loslegen könnte. Sie fanden uns Deutsche in unserer Akribie einfach etwas zu übertrieben.
Die Amis haben so eine Art Wild-West-Merntalität. Die haben so ungefähre Vorstellung wo sie hin wollen und dann springen sie auf die Pferde und reiten sie los. Wir sind die diejenigen, die entweder vorher die Landkarte gezeichnet oder sie genau studiert haben – damit wir auch wissen, wie wir jetzt über welche Stationen genau da hin kommen.
Wenn ich nach Deutschland zurück komme, dann versuche diese positive und unverkrampfte Einstellung weiterzugeben und junge Menschen zu motivieren, out of the box zu denken.“ Volker Engel (Filmemacher, 53, Deutschland, USA, Visual Effects Supervisor, Oscar-Preisträger)

„Hier in Israel umarmen wir uns auf der Straße einfach, wenn wir uns sehen. Das ist völlig normal. In Deutschland würde man behaupten, man sei ein Paar.“ Donny Azof,(16, Israel, Schüler)

„In Deutschland können wir unserer Religion leben!“ Ein Satz, den wir in den Interviews gerade von vielen jungen Menschen gehört haben, wird als Zeichen von Respekt vor der Vielfalt in Deutschland verstanden. Dies korrespondiert auf wunderbare Weise mit einem Statement des israelischen Trommlers Coby Hagoel, der sich als Musiker für alle Spielarten der Rahmentrommeln im Orient verschrieben hat.

„Es ist auf der einen Seite großartig, wenn die Grenzen zwischen Staaten aufweichen. Die Europäer sollten dies bewundern, diesen erreichten Frieden schätzen. Auf der anderen Seite spürt man in der ganzen Welt, wie das „Einmalige, das „Unvergleichliche“ verschwindet. Menschen bekommen Angst vor der Globalisierung. Es ist also gut, dass Menschen nach ihren eigenen Wurzeln suchen, denn als aller Erstes ist die Suche nach Wurzeln die Suche nach Kultur, nach Zusammenhang und Orientierung.“

Ich konnte nicht wählen, ob ich nach Bremerhaven kommen will. Meine Eltern haben das entschieden.
Ich habe viele Freunde, meine Freundin und mein Fußballmannschaft in Ungarn gelassen.“ Chabby (16, Ungarn)

„Der Astronaut Alexander Gerst hat gesagt, wenn Leute die Perspektive hätte, mal aus dem Weltraum auf die Erde zu gucken und zu sehen, wie klein diese ist, dann würden sie vielleicht aufhören, so piefig in ihren eigenen vier Wänden oder in ihren eigenen Ländern zu denken“. Wilfried Wegner (48, Deutschland, Lehrer)

„Ich fühle mich fremd, wenn ich von Menschen umgeben bin, die mich nicht wirklich verstehen und ich mich nicht erklären kann, weil ich mich verloren fühle.“ Nohar Cohen (19, Israel, Schülerin)

„Ich habe um den Deutschen Pass gekämpft und stehe auch dazu. Aber ich bin beides: Deutscher und Tamile.
Es ist ein Glück für mich, hier geboren zu sein. Ich muss sehr dafür kämpfen, dass meine Eltern hierbleiben können.“ Agash Ratnakumar (16, Deutschland, Schüler)

„Wir glauben, unsere Generation ist geprägt vom Heimatgefühl unserer türkischen Eltern. Jedes Jahr ist man in der Türkei, Familie treffen, schöne Zeit. Und plötzlich bist du erwachsen und merkst: Deutschland ist deine Heimat. Hier bist du verwurzelt!“ Ebru und Özgür Aydin (37/40, Deutschland, Sozialpädagogen)

„Ich habe ein Problem mit den Augen. Es ist genetisch. Meine Mutter und meine Schwester haben es, und ich bin damit geboren. Die Brille, die ich tragen muss, erinnert mich daran, woher ich komme.“ Ron Kita (17, Israel)

„Heimat hat für mich nichts mit Geografie zu tun. Heimat ist überall dort, wo ich sein kann wie ich bin. Es kann in Israel oder Deutschland sein. Es kann überall sein.“ Keren Zafrani (50, Israel, Lehrerin)

Heimat oder Fremde?

Ein fast verdrängter Begriff wird zum Zauberwort für Politik.
Heimatpopulismus ist international modern.
Die Grenzen zwischen Patriotismus und Nationalismus verschwimmen.

Die Freiheit, in der ganzen Welt zu Gast zu sein, wirkt getrübt durch den den Umstand, dass immer mehr Menschen aus existentieller Not ihrer Heimat verlassen müssen.
Die Diskussion dreht sich immer wieder um Fremdenfeindlichkeit, Integration, Toleranz, Kulturbruch.
Fremdsein wird fühlbar für alle Seiten.
Die Diskussion des Begriffes „Heimat“ gewinnt an Schärfe an Küchentischen, in der Gesellschaft, in der Politik.
In unseren Schulen spüren wir die Unsicherheit im Umgang mit dem „Anderssein“.

Freundschaft kennt keine Grenzen!

Miriam und Harry Elyashiv Medien-Sonderpreis des Bremer Senats Bremen 2016

Stolpersteine – Kid Witness News New York 2014

Denk Mal – Mahn Mal Tokyo Video Award 2009

Unser neues Thema ist eine Reise zu uns selbst. „Was ist eigentlich …deutsch an uns?“ ist ebenfalls eine Frage nach Identifikation, nach Sehnsucht und Heimat. Wir werden u.a. dokumentativ unseren Alltag beleuchten, Interviews mit engagierten zivilgesellschaftlich Akteuren führen, Migrationsvereine besuchen. In 2 Workshopphasen außerhalb unserer Unterrichtszeit wollen wir künstlerische Mittel wie Fotographie, Malerei und Musik nutzen, um mit anderen Menschen über dieses Thema aktiv einen anderen Ausdruck zu entwickeln. Dabei wollen wir uns bei der inhaltlichen Umsetzung von Profis unterstützen lassen.

Zudem erwarten wir im August eine Jugendgruppe aus Israel, mit der wir für 10 Tage gemeinsam das Thema „Deutsch Sein“ gerade unter dem historischen Aspekt der jüngeren Geschichte beleuchten werden. Wir wissen, dass sich viele Großeltern unserer Gäste vor dem nationalen Deutsch-Sein nur durch Flucht retten konnten. Wir sind heute als junge Menschen in Deutschland christlich, muslimisch, hinduistisch, atheistisch, haben Wurzeln in Sri Lanka, China, dem Libanon, in Thailand, Serbien, Rumänien, Polen oder in der Türkei und aktuell auch mit Flüchtlingshintergrund aus dem Nahen Osten. Wir sind gespannt auf die Antworten, die wir finden werden.

Im November fährt eine Delegation nach Israel. Dort werden wir ebenfalls junge Israelis nach ihrem aktuellen Deutschlandbild fragen.
Im Dezember wollen wir unsere Antworten in einer kleinen Ausstellung vorstellen.

Zur Einstimmung:

gefördert von „Demokratie Leben“ in Bremerhaven

Wir haben Deutschland überlebt!

Filmpremiere in der Villa Schocken

Unser Projekt 2015: Die Familie Schocken

Interview in Jerusalem 29. Mai 2014 als pdf:Interview elyashiv schocken

Interview mit Mirijam, Harry, Chava (Tochter), Gidon (Enkel)

Treffen mit Miriam und Harry Elyashiv und Chava Elyasshiv- Mamou in Yad Vashem/Jerusalem, May 2014

und im Kibbutz Gvulot, March 2015

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